Medizinnobelpreis 1926: Johannes Andreas Grib Fibiger


Medizinnobelpreis 1926: Johannes Andreas Grib Fibiger
Medizinnobelpreis 1926: Johannes Andreas Grib Fibiger
 
Dem dänischen Pathologen gelang 1913 die erste experimentelle Krebserzeugung beim Tier, wofür er 1926 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
 
 
Johannes Andreas Grib Fibiger, * Silkeborg 23. 4. 1867, ✝ Kopenhagen 30. 1. 1928; 1894-97 Reservearzt der Armee in Kopenhagen, 1895 Promotion, 1897-1900 Prorektor am Institut für Pathologie in Kopenhagen, ab 1900 Professor und Direktor dieses Instituts, nach Forschungen zur Diphtherie und Tuberkulose beschäftigte er sich intensiv mit Versuchen zu den Ursachen von Krebserkrankungen.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Als es Fibiger 1913 gelang, experimentell Krebs beim Tier zu erzeugen, war damit zum ersten Mal der Beweis geführt worden, dass die Entstehung und das Wachstum eines Tumors durch Einflüsse von außen provoziert werden können. Krebs gehörte bereits zu dieser Zeit zu den am meisten gefürchteten Krankheiten. Über seine Entstehung hatte jedoch bis zu Fibigers Entdeckung weitgehend Unklarheit geherrscht. So wurde beispielsweise lange Zeit davon ausgegangen, dass eine ursächliche Verbindung zwischen Krebs und lang andauernden mechanischen, thermischen, chemischen oder Strahlungsreizen existierte. Andere Forscher hatten die Behauptung aufgestellt, Mikroparasiten verursachten eine Krebserkrankung. Weil alle Versuche fehlgeschlagen waren, eine dieser Hypothesen experimentell zu beweisen, gab es keine eindeutige Meinung hinsichtlich der Ursache von Krebs. Das änderte sich 1913, als Fibiger durch seine Versuche den Nachweis einer externen Krebserzeugung erbringen konnte.
 
 Arbeiten auf dem Gebiet der Bakteriologie
 
Bevor sich Fibiger dem experimentellen Krebsstudium zuwandte, beschäftigte er sich mit der noch jungen, aber schon erfolgreichen Bakteriologie. Während dieser Zeit studierte er unter anderen auch bei Robert Koch (Nobelpreis 1905) und Emil von Behring (Nobelpreis 1901). Bis 1894 arbeitete er mit Carl J. Salomonsen, einem der führenden Bakteriologen, an der Universität Kopenhagen. Den Doktortitel erhielt er für seine Arbeit zur Bakteriologie der Diphtherie, auf die sich seine frühen Forschungen konzentrierten. Der Einsatz von Behrings Serumtherapie gegen Diphtherie in Dänemark ging zu einem großen Teil auf Fibigers Engagement zurück. Anschließend wandte er sich der Tuberkulose zu, die trotz der Entdeckung des Erregers 1882 durch Robert Koch weiterhin viele Fragen offen ließ. Fibiger interessierte vor allem die Beziehung zwischen der Rindertuberkulose und der Tuberkulose des Menschen. Mit dem Aufkommen der Zellbiologie im 19. Jahrhundert wuchs auch bei Fibiger das Interesse an der Erforschung von Krebszellen vor allem hinsichtlich ihrer Ursache.
 
 Ein Zufallsfund und seine Hartnäckigkeit führen Fibiger in die richtige Richtung
 
Fibigers Versuche zur experimentellen Krebserzeugung begannen 1907 und nahmen ihren Ausgang bei Untersuchungen tuberkulöser Tiere. Fibiger entdeckte bei dreien seiner Laborratten einen bis dahin unbekannten Tumor im Magen, den er gleich dokumentierte. Im Zentrum dieses Neoplasmas (bösartiger Tumor) fand er einen Wurm, der zur Familie der Spiroptera gehört. Daraufhin fütterte er gesunde Laborratten mit den Spiroptera neoplastica (runde Fadenwürmer, heute Gongylonema neoplasticum genannt), die er aus den Tumoren gewonnen hatte, konnte jedoch keine Beziehung zwischen der Bildung des Neoplasmas und dem Fadenwurm beweisen. Die Versuche, Krebs bei gesunden Ratten durch Aufnahme von Spiroptera und neoplastischem Gewebe zu erzeugen, schlugen also fehl. Fibiger kam dann auf die Idee, einen Zwischenwirt einzuschalten. Nach zahlreichen und vergeblichen Versuchen, Ratten zu finden, die denselben Tumor hatten wie die Ratten, die er 1907 seziert hatte, entdeckte er sie schließlich in einer Kopenhagener Zuckerraffinerie. In den Tumoren dieser Ratten fand er denselben Fadenwurm, den er 1907 beobachtet hatte. Die Zuckerfabrik war zu dieser Zeit von Küchenschaben befallen, und Fibiger gelang es nachzuweisen, dass diese von dem Spiroptera als Zwischenwirt genutzt wurden: Die Küchenschaben nahmen nämlich die Exkremente der Ratten und damit die Eier des Fadenwurms zu sich. Diese Eier entwickelten sich im Verdauungstrakt der Küchenschaben zu Larven, die sich in den Muskeln der Küchenschaben verteilten. Die Küchenschaben wurden dann von den Ratten gefressen, in deren Mägen die Larven transformiert wurden. Indem Fibiger gesunde Ratten mit Küchenschaben fütterte, die die Larven des Spiroptera in sich trugen, konnte er krebsartige Wucherungen in den Mägen einer großen Zahl von Tieren erzeugen. Damit war es zum ersten Mal möglich geworden, durch ein wiederholbares Experiment normale Zellen zu Zellen zu verändern, die alle Eigenschaften von Krebs hatten. Fibiger führte den Beweis, dass Krebs durch einen externen Anreiz (exogene Krebsverursachung) provoziert werden kann.
 
Die Möglichkeit einer experimentell produzierten Krebserkrankung klärte zumindest einige der unklaren Punkte der Krebsentstehung auf. Darüber hinaus gab Fibigers Entdeckung der Krebsforschung, die sich in einer Periode der Stagnation befand, neuen Auftrieb. Denn nun wusste man, in welche Richtung man weitersuchen musste und welche Methoden man anwenden konnte. Die notwendige Voraussetzung für die Suche nach einer Therapie ist die Klärung der Krankheitsursache. Fibiger war es gelungen, einen bedeutenden Meilenstein in dieser Entwicklung zu setzen.
 
 Weitere Forschungen auf dem Gebiet des Krebses
 
Während des Ersten Weltkriegs konnten japanische Wissenschaftler erstmals Hautkrebs bei Kaninchen hervorrufen, indem sie die Ohren der Tiere mit Kohlenteer behandelten. Der Krebs erzeugende Effekt des Teers war zwar in der klinischen Praxis beobachtet worden, konnte aber in früheren Versuchen nicht produziert werden. Fibiger gelang es nach dem Krieg als erstem Europäer, das Experiment zu wiederholen. Während der 1920er-Jahre machte er weitere Studien auf diesem Gebiet. Die Auswertung der Experimente und der Vergleich der Laborergebnisse mit klinischen Krankheiten brachten Fibiger zu dem Schluss, dass Krebs durch Interaktionen zwischen einer Vielfalt von äußeren Einflüssen und einer genetischen Anlage verursacht werden kann. Diese »Prädisposition« bezog sich dabei nicht auf eine Krebserkrankung im Allgemeinen, sondern auf die Tendenz, diese Krankheit in einem bestimmten Organ zu entwickeln, wenn ein spezifischer Stimulus vorhanden war.
 
 Ehrungen
 
Bereits sechs Monate nach der Veröffentlichung seiner Studien zum Spiroptera-Krebs machte die Schwedische Gesellschaft der Medizin Fibiger zu ihrem Mitglied. Das war die erste Anerkennung, die ihm aufgrund der Forschungen zum Krebs zuteil wurde. Weitere folgten, von denen nur einige erwähnt werden sollen: Präsident der Krebskommission der Dänischen Medizinischen Gesellschaft, Herausgeber von medizinischen Fachzeitschriften (»Acta pathologica et microbiologica scandinavia«, »Zieglers Beiträge zur pathologischen Anatomie und allgemeinen Pathologie«), Mitglied der Königlichen Akademie der Medizin Belgiens, der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaft von Uppsala, Ehrendoktor der Universität Paris, Vorsitzender der Internationalen Vereinigung für Krebsforschung und Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaft und Literatur von Dänemark.
 
S. Hähner-Rombach

Universal-Lexikon. 2012.


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